Die Zeit der Tränen 

Zukunft der Kirche: Die westfälische Landessynode tagte in Bielefeld-Bethel. Es zeigte sich, dass in Zukunft alles anders werden wird. Das eigentliche Problem wird sich allerdings erst in 30 Jahren lösen.
 


Das Plenum der Landessynode in Bielefeld-Bethel. Die Delegierten 
müssen sich aufharte Sparmaßnahmen gefasst machen. 
Foto: Reinhard Elbracht



Von Gerd-Matthias Hoeffchen 

Klare, unverstellte Antworten werde es geben, hatte Präses Alfred Buß versprochen. Dieses Versprechen hat der leitende Theologe der Evangelischen Kirche von Westfalen gehalten.

Was auf der Jahrestagung der Landessynode, die in der Woche vor der lippischen Synode zusammenkam, beraten und beschlossen wurde, lässt an Deutlichkeit wohl nichts zu wünschen übrig: Die Zeit der Tränen ist da. Massive Kürzungen, Streichungen, Rück- und Abbau in nahezu allen Bereichen kirchlicher Arbeit sind notwendig, um das Gebilde "Evangelische Kirche von Westfalen" (EKvW) am Leben zu erhalten.

Die Ursache der Misere? Das Lohn- und Einkommenssteueraufkommen in Deutschland nimmt weiter dramatisch ab (sinkende Bevölkerungszahl, Alterung der Gesellschaft, Arbeitslosigkeit, Steuerreform und Steuerschlupflöcher) - und nach diesem Steueraufkommen errechnet sich die Kirchensteuer. Zusätzlich werden die Finanzen der Kirche durch Kirchenaustritte geschmälert.

Vor allem aber hat die Kirche in Westfalen ein ganz spezielles Problem: Sie hat schlicht zu viele Pfarrerinnen und Pfarrer. Und das droht sie auszubluten.

1511 Pfarrstellen weist die EKvW auf; die meisten davon in den Gemeinden (1298); 298 in den 31 Kirchenkreisen und 42 bei der Landeskirche. Tatsächlich aber sind nicht 1511, sondern 2020 Pfarrerinnen und Pfarrer angestellt.

Auch wenn davon etliche in Teilzeitstellen beschäftigt sind, heißt das immer noch: Die westfälische Kirche bezahlt 483 Pfarrerinnen und Pfarrer mehr, als es der Stellenplan eigentlich vorsieht. 

Ein Millionenloch.

In den guten Zeiten, den finanzstarken 80ern, war man froh, dass sich so viele junge Leute für den Pfarrberuf interessierten. Hoffnungen auf eine vitale, zukunftsfähige Kirche verbanden sich damit. Das Gegenteil trat ein.

Konjunktureinbruch und Bevölkerungsschwund kappten die Kirchensteuer. Außerdem hat die westfälische Kirche reichlich Geld weggegeben zum Aufbau der Kirchen in Ostdeutschland. Eigentlich war das als Rücklage für die Personalbesoldung gedacht.

In zwei Jahren, so hat es der Finanzdezernent der EKvW, Klaus Winterhoff, vorgerechnet, wird es keine nennenswerten Rücklagen mehr geben. Wenn die westfälische Kirche nicht Ende 2006 den finanziellen Kollaps erleiden will, muss sie: sparen, kürzen. Mindestens zehn Prozent pro Jahr.

Das ist ein Batzen. Im Blick sind einschneidende Strukturveränderungen - Zusammenlegungen von Gemeinden und Einrichtungen, Aufgabe von Schulträgerschaften, Kindergärten. Vor allem aber muss bei den Personalkosten gespart werden.

Und gerade bei den Pfarrerinnen und Pfarrern geht das nicht. Denn die fallen unter den Beamtenstatus, sind also unkündbar. Gehaltskürzungen, Wegfall von Weihnachtsgeld - alles in Grenzen machbar. Aber die überzähligen Stellen werden bleiben, auf viele, viele Jahre hin.

Also wird die Kirche bei ihren nichtbeamteten Angestellten sparen müssen: in Jugendarbeit, Kindergärten, Beratungsstellen, bei den Küsterinnen und Küstern usw. usf.

Dabei wird es auch zu Kündigungen kommen. Dass das einseitig, man könnte auch sagen: ungerecht ist, sieht jeder. Auf der Landessynode war die Betroffenheit darüber überall zu spüren: bei den Synodalen, den Mitgliedern der Kirchenleitung. Nur: Ändern kann daran keiner etwas.

"Kirche mit Zukunft" will sie sein, die Evangelische Kirche von Westfalen - so das Motto ihres Reformprozesses, den sie seit einigen Jahren betreibt.

Hat diese westfälische Kirche eine Zukunft?

In nüchternen Zahlen ausgedrückt: Ja. In circa 30 Jahren wird die Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer da angekommen sein, wo sie sich mit der bis dahin abgesunkenen Gemeindegliederzahl wieder deckt: 700 Pfarrstellen im Jahr 2035.

30 Jahre. Eine lange Zeit. Aber nicht hoffnungslos. Es gibt manche Zeichen von Aufbruch, von Glaubensstärke in der Evangelischen Kirche von Westfalen. An vielen Stellen gibt es funktionierendes Leben. Diese Kirche hat noch Möglichkeiten. Längst nicht mehr alle ihre derzeitigen Angebote wird sie flächendeckend anbieten können; vieles wird abgebaut, vielleicht abgerissen. Aber dafür muss die Arbeit da gestärkt werden, wo sie funktioniert: Konzentrieren auf das, was wir können und wo wir es können, sollte die Devise sein.

Es wird dabei auf die Zusammenarbeit vor Ort ankommen. Gerade den Presbyterien wird einiges zugemutet. Rückbau und Aufbruchstimmung gleichzeitig - so könnte der Weg in die Zukunft aussehen.
 


Quelle: Unsere Kirche Ausgabe 51 vom 3. Advent 2004